Recollectio mit Weihbischof Dr. Anton Leichtfried (St. Pölten)

„Gib ein hörendes Herz“

 

Recollectio mit Weihbischof Dr. Anton Leichtfried (Sankt Pölten)

Zu Beginn des Wintersemesters 2019/20 durften wir gemeinsam mit Weihbischof Dr. Anton Leichtfried (Sankt Pölten) gemeinsam unsere Recollectio halten. Thema seines Vortrags war „Gehorsam, wie geht das?“.

Zur Person

 

Anton Leichtfried wurde 1967 in Scheibbs geboren. Nach seiner Matura 1985 am Stiftsgymnasium Seitenstetten, trat er in das Priesterseminar in St. Pölten ein. 1987 zog Leichfried in das Collegium Germanicum et Hungaricum in Rom ein und studierte an der Päpstlichen Universität Gregoriana. 1991 wurde in Rom von Erzbischof Johannes Joachim Degenhardt zum Priester geweiht. Nach seinen Jahren als Kaplan und des Promotionsstudiums in Freiburg i. Br. wurde er von 2000 – 2005 Spiritual am gesamtösterreichischen Propädeutikum in Horn, anschließend bis 2017 Regens des Priesterseminars in St. Pölten. 2006 ernannte ihn Benedikt XVI. zum Weihbischof seiner Heimatdiözese. Seit Juli 2018 ist er Bischofsvikar für die Priesterfortbildung und katholische Erwachsenenbildung.

Innerhalb seiner vielfältigen Aufgaben und Tätigkeiten als Weihbischof, Spirtual und Dompropst beschäftigte ihn durchaus das Thema des Gehorsams. Gerade in der schwierigen Zeit als Regens nach dem Skandal im Priesterseminar in St. Pölten musste er immer wieder die Vorteile und wahren Gründe für den kirchlichen Gehorsam entdecken und leben.

Weihbischof Dr. Anton Leichtfried

Über Hören und Gehorsam

 

Dass innerhalb der deutschen Sprache deutlich wird, dass Gehorsam und Hören unmittelbar voneinander abhängig sind, ist schlussendlich einleuchtend. Wie man dies aber tatsächlich gut lebt, versuchte Weihbischof Leichtfried, dessen Wahlspruch „Dar cor docile – Gib ein hörendes Herz“ lautet, anhand einiger Worte Karl Rahners uns an die Hand zu geben.

Im Gehorsam als evangelischen Rat geht es primär nicht um die Unterwerfung unter einen konkreten Befehl des Oberen, sondern um die ‚Übernahme eines gemeinsamen religiösen Lebens, das von der Kirche als Anschluß an das Beispiel und die Lehre Jesu, als möglicher Ausdruck eines gottübereigneten Lebens anerkannt wurde‘. Es geht also um die liebende Annahme und das Tun des Willens Gottes und der dauernden Bindung an eine bestimme Lebensform in der Kirche. Ein solcher Gehorsam darf nie total sein. […] Gegen das Gewissen darf nicht befohlen werden. Der Christ (Priester, Ordensfrau/-mann) hat das Recht und die Pflicht, sich über die Sittlichkeit des Befehls ein Urteil zu bilden. […]

Der Obere hat selber ein Hörender zu sein: Von ihm gehen nicht alle Initiativen aus. Es gibt im menschlichen Bereich gar keine absolut ‚autarke menschliche Autorität, die nur Aktivität und in keiner Weise Passivität wäre‘.  […] Eine Gemeinschaft ist ein Geflecht von Kräften, von Initiativen und Ausführung, von Aktion und Übernahme. Deswegen werden viele Initiativen der Obrigkeit selbst Reaktion auf charismatische Aufbrüche sein, mit denen sie rechnen muß, die sie fördern und aufrufen soll und auf die hin sie selbst eine Hörende sein muß.

Karl Rahner SJ

zitiert nach Manfred Scheuer: Die evangelischen Räte. Strukturprinzip systematischer Theologie bei H.U. von Balthasar, K. Rahner, J.B. Metz und in der Theologie der Befreiung, Würzburg 1990.

Zunächst umkreiste Weihbischof Leichtfried das Thema des Gehorsams, etwa im Bezug auf die Verwechslung des Willens einer Autorität mit dem Willen Gottes, er beschrieb den „verdächtigen Gehorsam“ in den Zeiten einer immer freier werdenden Gesellschaft. Er betonte allerdings, dass der Gehorsam zwar zunächst das Gegenteil eines Dialoges sei, der kirchliche Dia – log aber untrennbar vom Gehorsam zu verstehen sei. Der kirchliche Gehorsam setzte Vertrauen und Freiheit auf Seiten des Gehorsamen voraus. Er sei eben kein kindlicher, blinder Gehorsam. Man könne seinem Oberen nur dann den Gehorsam versprechen, wenn man dies wirklich frei und aus eigenem Entschluss tun könne.

Und so zog Weihbischof Leichtfried die Parallele zwischen dem Hören und dem Gehorsam. Man müsse hören können, um gehorsam sein zu können. Wie oben von Karl Rahner beschrieben, so müsse der Christ die Autorität des Oberen bzw. der Kirche wirklich hinterfragen und versuchen, dort den Willen Gottes zu erkennen. Dieses Hören sei, je verantwortungsvoller das Amt sei, umso wichtiger. Der Obere hat also umso mehr ein Hörender zu sein, als dass er diesem vielfältigen Geflecht vorstehe. So gehe es darum, eben nicht gehörlos zu befehlen, sondern, den Rat der Anderen achtend, kluge Entscheidungen zu fällen.

Weihbischof Leichtfried trug uns auf, uns selbst zu fragen, auf wen wir hören würden, wenn wir wichtige Entscheidungen zu fällen haben.

Auf wen höre ich in meinem Leben? Auf welche Autorität höre ich? Wessen Einschätzung ist mir etwas wert?

denn:

Jeder [Atheist, Christ, uvm.] ist gehorsam, die Frage ist: Wem? Meinem Bauchgefühl? Der Gesellschaft? Christus?

Dr. Anton Leichtfried

Weihbischof , St. Pölten

Hören, dass klinge zwar zunächst nach einer passiven Tätigkeit – vielmehr sei es allerdings eine höchst aktive Handlung. Weihbischof Leichtfried zeigte uns dies am Beispiel des Annehmens eines Geschenkes: Wenn man die Arme verschränke und das Geschenk nicht annehmen wolle, so könne man dies auch nicht. Und so müssten wir auch das Hören als eine aktive Einstellung verstehen. Schlussendlich zeigte uns Weihbischof Leichtfried die richtige Waage zwischen einem Idealismus und dem Realismus. Mit dem Bild der Wippe zog er den Vergleich: Man müsse das Gleichgewicht versuchen zu halten und dürfe nicht von dem einem Extrem in das andere fallen. So sei auch das Gleichgewicht zu halten zwischen einem begründetem Gehorsam und verantworteter Freiheit.